Stiftungs-Gründerin Hildegard Damhorst verstorben
Ein Nachruf von Hans-Josef Joest, langjähriger Freund der Familie und Vorstands-Vorsitzender der Damhorst-Stiftung 2017-2025
Acht Jahre nach ihrem Ehemann Paul ist Hildegard Damhorst geb. Baumeister im hohen Alter von 95 Jahren in Münster gestorben. Die Eltern dreier Söhne mit geistiger Behinderung haben durch ihre kirchliche „Hildegard und Paul Damhorst Stiftung“ bürgerlichen Rechts im Jahr 2015 Menschen mit Beeinträchtigung großzügige Möglichkeiten eröffnet, echte Teilhabe im Leben zu erfahren.
Die Aufgabenteilung in der Ehe Damhorst entsprach den Gepflogenheiten ihrer Zeit: Paul (*1927) absolvierte eine juristische Karriere bis hin zum „Ersten Staatsanwalt“ in Münster. Hildegard (*1930) verzichtete von ihrer Heirat im Jahr 1958 an trotz Abitur und einer großen Begabung in Fremdsprachen auf ihre aussichtsreiche Weiter-Beschäftigung im Auslandsressort einer münsterischen Bank.
Behütetes Nesthäkchen
Mutter zu werden, Kinder lebenstüchtig zu erziehen, das erschien Hildegard erfüllender als berufliche Anerkennung. Zu idyllisch wirkten ihre Erinnerungen nach an die unbeschwerte Kinderzeit in der Herzfelder Arztfamilie Baumeister.
Dort verwöhnten zwei ältere Jungen das Nesthäkchen Hildegard nach besten brüderlichen Künsten. Dort verbreitete ihre rheinländische Mutter ansteckenden Frohsinn. Dort nahm der stolze Vater die Kleine auf seinen ärztlichen Hausbesuchen zuweilen mit, zunächst im Kutschwagen, später im Auto.
Krankheiten im Babyalter
Unbeschwerte Kindertage – so nachhaltig sie seinerzeit die Herkunftsfamilie Baumeister prägten, umso seltener sollte es sie in der späteren eigenen Familie geben. Christoph, der erste Sohn, erkrankte bereits als Baby, eine schwierige Magen-Operation wurde unumgänglich. Benedikt, der zweite, wirkte früh träge und kam in der Schule nur leidlich zurecht. Mit Gregor, dem dritten Sohn, kehrten größte Sorgen zurück. Nach einer Darm-Operation schwebte er in Lebensgefahr und sollte fortan nicht mehr schmerzfrei bleiben.
Durchwachte Nächte, fortgesetzte Ängste, häufige Enttäuschungen – Kinderglück? Auf dem Spielplatz traf Hildegard Damhorst andere Mütter. Deren Kinder konnten schon sitzen – Christoph konnte es noch nicht. Andere Kinder sprachen schon ganze Sätze – Gregor tat das noch nicht. In einem ausgedehnten Gespräch über ihr Leben während einer Pilgerfahrt ins Heilige Land leistete sich Hildegard Damhorst mir gegenüber ein wenig Bitterkeit: „Nichts zum Halleluja-Singen.“
Bedrückende Befunde
Doch die wirklich große Herausforderung stand den Eltern erst noch bevor. Während die Jungen die Pubertät durchliefen, bestätigten Ärzte nach langwierigen Untersuchungen die Wahrnehmung der Eltern: Alle drei Söhne waren zu unterschiedlichen Graden geistig behindert.
Ab sofort standen eigene Lebenswünsche des Ehepaars unter Vorbehalt. Und die Hoffnung aller Eltern, ihre Kinder lebenstüchtig zu machen, auch, um im Alter von ihnen umsorgt zu werden – eine Illusion. „Das zu akzeptieren, war sehr schwierig“, erinnerte sich Hildegard Damhorst.
Eigene Interessen entwickeln
Die nötige Fürsorge für die Jungen vertiefte ihre Mutterliebe. Hildegard verwies in unserem Gespräch auf ihr Eheversprechen, in guten und schlechten Tagen zusammenzustehen: „Da kann man nicht einfach ausbrechen.“
Überbehüten aber wäre kurzsichtig gewesen. Es galt, passende Werkstätten zu finden, den Weg dorthin mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu trainieren, erfüllende Hobbys auszubilden – ob Gartenarbeit, Sport oder Kegeln. „Wir haben auf Selbstständigkeit geachtet und Wert darauf gelegt, dass die Drei eigene Interessen entwickelten.“
Auftanken in Kuren
Sich im Dauerstress aufzureiben, das wäre kurzsichtig gewesen. Darum tankte Hildegard Damhorst fortan einmal jährlich in Kuren in Bad Wörishofen auf. Der Alltag im Familienheim auf der münsterischen Maikottenhöhe brachte sie dennoch häufig an ihre Grenzen.
Wie ließ sich diese hohe Belastung über Jahre ertragen? Meine Frage beantwortete Hildegard Damhorst seinerzeit mit einem Sprichwort: „Jeder bekommt so viel aufgebürdet, wie er tragen kann.“ Allerdings gehe es „im Leben nicht immer gerecht“ zu.
Der Glaube gab Kraft
Was aber, wenn die Last schwerer wiegt als selbst ein gutwilliger Karrengaul ziehen kann? Mit verletzlich offenen Augen stellte mir Hildegard Damhorst leise eine Gegenfrage: „Wäre man denn zufriedener, wenn man den Karren einfach im Dreck stecken ließe?“
Gott war der katholischen Familie Damhorst immer ein selbstverständlicher Lebens-Begleiter, Christsein nie nur ein bloßes Lippen-Bekenntnis. Seinerzeit beim Gespräch in Jerusalem fügte Hildegard Damhorst ihrem Nachdenken über schwere Lebenslasten ein schlichtes Bekenntnis an: „Der Glaube hat Kraft gegeben.“
Familie auf Reisen
Seit sich die ganze Familie von der Jahrtausendwende an mehrfach längeren Gruppenreisen mit Bus oder Schiff anschloss, bedeuteten diese nachhaltigen Erlebnisse der drei Söhne für die Mutter vermehrten Großeinsatz - vom Packen fünf mächtiger Koffer vorher bis zu Bergen Schmutzwäsche danach.
Wie belastend die interne Organisation dieser Freizeitvergnügen auch gewirkt haben dürfte, für Hildegard Damhorst bedeutete diese Zusatzarbeit ihren Liebesdienst für die drei Söhne: „Und wie viel Liebe bekommen mein Mann und ich von ihnen zurück!“
Weichenstellung für die Söhne
Als die Eheleute die Achtzig überschritten, stellten sie vorausschauend die Weichen für einen anregenden Lebensabend der Söhne in unterschiedlichen Wohnstätten in Münster. Hildegard Damhorst war sich im Gespräch mir gegenüber bewusst, dass sie im Rückblick betrachtet drei Menschen quasi zweimal das Leben geschenkt hatte: mit ihrem Ja zu Kindern und mit ihrem Ja zu deren Behinderung.
Gleichzeitig nahm das finanziell gut gestellte Ehepaar sensibel wahr, mit welchen materiellen Sorgen andere Eltern von Kindern mit Beeinträchtigung im Alltag ständig zu kämpfen hatten. Zwar ließen sich elementare Bedürfnisse zumeist mit öffentlicher Hilfe stemmen, für attraktive Unternehmungen in der Freizeit aber fehlte das Geld. So keimte bei Hildegard und Paul Damhorst die Idee einer privaten Stiftung auf mit der Zweckbestimmung, Menschen mit Behinderung bereichernde Freizeit-Erlebnisse zu ermöglichen.
Bescheidenes Wirken
Aus der wachsenden Eigenständigkeit von Christoph, Benedikt und Gregor über die Jahre ungeachtet ihrer Beeinträchtigungen wuchs bei der Mutter eine stille Zufriedenheit, diese außergewöhnliche Bürde geduldig getragen zu haben: „Ich bin mit mir in Frieden.“
Der Vorstand der Damhorst-Stiftung blickt mit Hochachtung auf die außergewöhnliche Lebensleistung von Hildegard Damhorst, auf ihr über Jahre stark belastendes, aber jederzeit bescheidenes Wirken. Hildegard Damhorst war im besten Sinn des Wortes Seele und Herz ihrer Familie. Die Mitglieder des Vorstands erinnern sich gern vieler bereichernden Begegnungen mit Hildegard Damhorst und ebenso dankbar ihrer wertvollen Anregungen für die Entwicklung der Stiftung.

