Beim Namen gerufen

Pfarrer Jan Magunski ist Schulseelsorger an der Bischöflichen Förderschule für Geistige Entwicklung in Münster-Kinderhaus, der Papst-Johannes-Schule. Er beschreibt persönliche Begegnungen aus dem Schulalltag:

 

 

Wer Menschen mit einer geistigen Behinderung betreut, der lernt bald, dass es dazu viel, ja manchmal unendlich viel Geduld braucht. Immer und immer wieder muss man die gleichen Inhalte wiederholen, in der Hoffnung, dass irgendwann etwas davon haften bleibt und Frucht bringt. Dabei darf man nie vergessen, den anderen mit Leidenschaft und unvoreingenommener Begeisterung zu motivieren. Auch wenn es unzählige Male nicht geklappt hat - vielleicht ist das nächste gemeinsame Training das Entscheidende.

 

Und so erlebt man immer wieder auch die Ambivalenz dieses Tuns: Man ist niemals nur Lehrender, man lernt auch selbst immer noch neu dazu - und manchmal Dinge, die viel wichtiger sind als Zahlen und Buchstaben.   

 

Ein schöner Tag

Eines Morgens sitze ich - als Hospitant und Unterstützung der Klassenlehrer - mit einer Oberstufen-Schülerin zusammen. Ihre Aufgabe: Die Wochentage lernen und in die richtige Reihenfolge bringen. Dazu gibt es sieben entsprechende Kärtchen, die sie sortieren soll. Also: Montag, Dienstag, Mittwoch und so weiter.

Anfänglich ist es mehr ein Raten als alles andere, nach und nach scheint sie ein wenig sicherer zu werden: eine gute Grundlage für weiteres! Also soll es in einem zweiten Schritt um die Monatsnamen gehen. Das sind immerhin schon zwölf - und Juni und Juli klingen ja so verdammt ähnlich ...

 

Als wir uns eine ganze Zeit auch mit diesen Kärtchen beschäftigt haben, ist die Stunde fast zu Ende. Also hole ich - zur Lernkontrolle - noch einmal die sieben Tage hervor und bitte die Schülerin, sie zu sortieren. Donnerstag? Dienstag? Montag? Samstag? Es scheint alles wieder vergessen zu sein.

 

Ein Blick in die Augen

"Oh je", seufze ich laut, "da müssen wir morgen wohl noch mal ran, Tiffany!" In diesem Augenblick blickt sie, die zuvor die ganze Stunde nur auf den Tisch und ihre Kärtchen geschaut hat, das erste Mal auf - und mir in die Augen. "Du hast meinen Namen behalten?", fragt sie. "Du weißt jetzt, wie ich heiße?"

 

Dann umspielt ein Lächeln ihre Lippen und sie sagt: "Heute ist ein schöner Tag!"